Dorian Gray
Mittwoch, den 08. Juni 2011 um 20:22 Uhr

"Das Bildnis des Dorian Gray" hatte am 8. Mai 2011 vor fast ausverkauftem Haus im Studiotheater Köln Premiere. Rolf Emmerich, Leiter des 10. internationalen Kulturfestivals "Sommerblut" begrüßte das Publikum und Regisseur Anderas Durban erläuterte in einigen Sätzen Anliegen und Zielsetzung der Literatur-Oper Köln. Das Publikum war auf die hohen Temperaturen besonders auch im Theater gut eingstellt und war in der Pause mit Eis und kühlem Bier ausgerüstet.

Es beginnt in medias res, Basil und Lord Henry streiten über den Schönheitsbegriff: Ist physische Schönheit erstrebenswert, wie Lord Henry behauptet oder erzeugt die leibliche Schönheit nur Verzerrungen der inneren Wirklichkeit des Menschen.

In der dunklen Atmosphäre in Basils Atelier entspinnt sich ein philosophischer Streit: man lernt Basil als wahrheitsliebenden disziplinierten Künstler, Lord Henry als zynischen Lebemann kennen. Doch plötzlich hellt sich die Szene auf, das Model erscheint, und der Schönheitsbegriff wird leibhaftig, die Diskussionspositionen verschwimmen, beide Männer verfallen der Schönheit Dorians, sie buhlen eifersüchtig um seine Gunst.

Man sieht auf eine beinahe leere Bühne: Sieben Darsteller, agieren vor oder verbergen sich hinter sieben schmalen, hohen Stellwänden, um als andere Figuren in einer folgenden Szene wieder aufzutauchen. Es gibt keine Abgänge. Die Stellwände werden von den Darstellern in unterschiedliche Konfigurationen bewegt, die den Bühnenraum immer wieder neu unterteilen.

Drei durchgehende Rollen und eine Vielzahl von Nebenfiguren werden von den Darstellern verkörpert. Die Szenenwechsel fließen, manchmal entstehen verschiedene Szenerien gleichzeitig, überblenden sich. Manchmal tritt Dorian Gray monologisierend dem Publikum gegenüber, während sich im Hintergrund bereits ein neuer Handlungsort aufbaut.

Das "Bildnis" ist ein Rahmen, weiß bespannt, den nur der Bildnischor mit sprachlich-musikalischen Farben und Veränderungen fällt, indem er das Bild besingt. Wie ein griechischer Chor, emotional involviert, kommentiert der Chor die Transformation des Portraits und erscheint, wenn sich das Bild aufgrund einer schlechten Tat des Dorian Gray verändert hat.

Als Dorian sein Portrait zerstört und daraufhin sterben muss, triumphiert der Bildnischor, gleich einer höheren Instanz der Gerechtigkeit, war er doch die ganze Zeit auf der Seite des Bildes und damit auf Seiten der Moral. Dorian endet ähnlich uneinsichtig wie Don Juan, er wird nicht, wie Faust nach seinen Übeltaten erlöst, da er jegliche Art von Reue verweigert. Ist das nun als Schlechtigkeit des Wesens oder als Mut zur Konsequenz zu bezeichnen? Diese Frage ist nicht zu beantworten.

Teils bildhafte, kleiduskopartige Szenen, wechseln mit die Handlung des Romans vorantreibenden Dialogen und Arien. In zwei Stunden Spielzeit erzählt sich der Fall eines Menschen in die Schuld, der als Symbol für alle Menschen steht, die ihre Unschuld und Kindheit verlieren, während sie sich in die Widersprüche ihres Lebens verstricken. Unberührt von den Kabalen und Versuchungen schweben die Kinder der Kölner Ballettschule durch die düsteren Handlungsstränge, als Symbole der Unschuld, manchmal von der Gesellschaft als Attraktion missbraucht, manchmal ganz für sich in einer fernen Welt, von der sich der Protagonist immer weiter entfernt. Die Premiere bewies, das sich die komplexe Geschichte des Romans in den gefundenen Bildern erzählt. Mit Humor, Existenzialität und Absurdität durchleben die Bühnenfiguren ihr Schicksal und scheitern an ihren eigenen Glaubenssätzen.

Ein begeistertes Publikum entlohnte unsere arbeitreichen Proben mit lebhaftem Beifall.

Aber ist eine Premiere der Abschluss einer künstlerischen Arbeit? Nein- Wir werden weiter arbeiten, die Untiefen der handelnden Figuren weiter ausloten und sind gespannt, wie sich die folgenden Vorstellungen entwickeln werden.

Andreas Durban